Früher war alles besser

Wer sagt das nicht auch manchmal? Dabei ist alles, das entweder vorbei oder aber noch nicht eingetreten ist, doch nicht mehr als eine Erinnerungs- oder Vorahnungs-Suppe.

Nix gegen Süppchen!

Warum war jetzt gleich nochmal früher alles besser? Ach ja! Ich saß gestern noch auf dem Bike und genoss den goldenen Herbst -zählt das schon als früher?

Nee. Früher war früher, das weiß doch jeder!

Also gut. Dann eben Früher. Als ich noch ungeniert an die Mutterbrust durfte?

Nee. Quatsch. So früh nu auch wieder nicht. Kapiers doch endlich früher war eben ‘früher’ Punkt. Aus. Basta.

Aha. Also früher bezieht sich auf basta. Das kommt mir sehr gelegen. Irgendwann war Schluss mit der Schule: Basta! Da fing das unbeschwerte Leben an! Juhu! -Bloß! Ich hatte sowas von gar keine Knete. Null! Ebbe! Und das soll nun besser gewesen sein? Ick weeß net.

Halt noch mal zurück auf nen anderen Anfang. Vergiss das mit dem Raucherhusten und dem um 4h30 Brötchen-Ausliefern, das ist hier nen Biker-Blog. Also hau mal gebikte Erfahrungen raus.

Ok. Da geht mir ja glatt das Herz auf. -Ach ne, was gab es da für tolle Schätzchen. Eins besser als das andere. Jedenfalls wennse gefahren sind.

Mein erstes Bike hatte ne Rücktrittbremse -glaub ich jedenfalls:

Ich konnte es kaum erwarten die knapp 6 km bei brütender Sommerhitze von Dornholzhausen nach Oberursel über die Sandpiste der gerade im Bau befindlichen Bundesstraße 456 zu keuchen. Immer die Mohrrübe vor Augen, dass ich in kürze motorisiert, mir auf dem Rückweg den kühlenden Fahrtwind um Nase und die echt langen Haare wehen lassen würde.

Endlich in Orschel angekommen legte ich brav mein gesamtes Erspartes auf den elterlichen Küchentisch von Schulfreund Rudolf. Der steckte die 70 DM ein, warnte aber so gleich, dass ich als erstes tanken muss. -Was? Tanken? Oh! Ach nee jetzt! -Was soll ich sagen? Ich bekam 3 Mark zum tanken zurück…
Dann war es soweit, mein erstes Motor-Bike schob mich über die ungeteerte Ruckel-Piste zurück nach Dornholzhausen. Schnell wars nicht. Aber im Sandbett der Bundesstraße? Und dann diese ewige Bergaufstrecke?
-Nee, Haare flogen keine im Fahrtwind.

Überhaupt: Fahrtwind? -Von brettern konnte echt die Rede nicht sein. Im Gegenteil. Meist war ich langsamer als die bemitleidenswerten Radfahrer. Jedenfalls gefühlt.

Was machte ich bloß falsch? Der Versuch die Motorkraft der DKW-Victoria zu steigern in dem ich Rasenmäher-Superbenzin meiner Tante einfüllte, war nicht sonderlich erfolgreich.
Der Motor lief zwar…
Rudolf riet, die Zündung einstellen zu lassen. -Schluck! Service! Schon wieder Kosten! Noch mehr Taschengeld! Ach echt jetzt! 😯

Als ich schließlich geschätzte 16,50 DM zusammen hatte, fuhr ich mit der Power des bergab Fahrens nach Homburg -so ziemlich genau mit dem, für die Zukunft angestrebten Bergauf-Tempo- zu einem winzigen Fahrradladen. Dort standen dicht gedrängt popelige Fahrräder, Mofas, Mokicks und der erlauchte Kreis an Kleinkrafträdern. Der Meister schraubte selber und zwar im hinteren Teil seiner Bude, bis die Teile wieder heile waren.

Ich musste mein Maschinchen über Nacht dort lassen. Der 3,5 km Heimweg, einer dieser -so ungeliebten- Fußmärsche  bergauf -versteht sich.

Aber! Die Vorstellung, dass ich spätestens in 24 Stunden mit nahezu Lichtgeschwindigkeit die Asphaltstrecken Deutschlands unter mir hindurch beschleunigen würde können… -Ja, da war sie wieder, die Rübe: gelb, faszinierend, heilmbringend -einem Magneten gleich, zog mich diese Imagination den Heimweg bergan.

Am nächsten Nachmittag, Rudolf brachte mich mit seinem gebläsegekühlten Kreidler-Mokick zur Werkstätte aller meiner Hoffnungen. Dann war es so weit: Dekompressionszug gespannt und einmal, zweimal die Pedale getreten -und da lief sie, die Maschine. Ein Klang wie Samt und Seide? Naja. Der Motor war ja nu kein anderer. Egal. Jetzt also isses endlich so weit!

Schon beim Verlassen der Hofeinfahrt argwöhnte ich, dass sich die Urgewalten nicht gerade übereinander türmten -Newton’s Meter waren mir damals noch völlig unbekannt- und zwar wirklich in jeder Hinsicht 🙂
Kaum auf der Straße -natürlich bergan- folgte die finale Ernüchterung: klar, schon möglich, dass aus 0,35 PS inzwischen 0,55 PS wurden, abeeeer! Lichtgeschwindigkeit? Wo zum Teufel war wenigstens ein Hauch davon? Und überhaupt: das Teil hatte doch eigentlich ein-ein-halb Pferde-Stärken oder was?

Vermutlich hätte ich mal den Auspuff ausbrennen und die Kolbenringe wechseln sollen -so weit war ich zu diesem Zeitpunkt aber noch lange nicht. -Nein, stattdessen folgten viele, viele, laaaangsaaame und demütigende Kilometer, und zwar eineeer nach dem aaaanderen. Yeah! Und in de Schule war ich damit auch nicht schneller. -Zum Glück nahm mich Rudolf auf seiner Kreidler immer mit…

Und so vergingen 1,5 Jahre. Bis ich endlich den Führerschein machen konnte. Und zwar den für die richtigen Bikes, die, die weit, um nicht zu sagen, seeeehr weit über Mofageschwindigkeit fuhren -90? 100? Wenn nicht meeehr!!
-Einzig: die Schalterei! Hatte ich doch von Rudolfs Sozius aus, nicht ansatzweise erkennen können, was der da eigentlich machte, wenn das Teil kreischend den Berg auf in Richtung Friedrichsdorf jaulte. Und auch noch gleich fünf Stück! Die wollten sortiert sein. Und dabei hatte sich weder der Schleifpunkt der Kupplung und schon ganz und gar nicht das Vorhandensein der zahllosen Zwischengänge offenbart.

Egal. Ich hatte einfach einen zuuu langen Schulweg! Das war ja endlich mal ein geniales Argument für ein Kleinkraftrad -Väterchen gingen komplett die Gegenargumente aus. Und so stand mein erstes Motorrad, eine Hercules K50SE in Kürbis-Orange, mit ihrer wunderschönen Vorderradschwinge  vor der Tür. -Und zwar schneller da als gedacht!

Rudolf musste sie abholen, Führerschein war nämlich noch nicht. -Und vor allem: er musste mir endlich mal die Schaltgeheimnisse verraten, mich in die höheren Weihen des Bikens einführen. Etwas widerwillig, aber er tats. Naja. Zumindest kams mir so vor. Er vermittelte immerhin das aller nötigste: Kupplung kommen lassen, Gas geben. Hintergrundwissen zur Funktion der Kupplung? Nee. -Also es wurde gekuppelt auf Teufel komm raus. Egal.

Klar, ich trainierte jetzt -auch ohne Schein- schon mal auf den abgelegenen Sträßchen kurz vorm Wald. Die Gänge krachten nur so rein, der Motor heulte gequält auf. Aber es ging vorwärts. Und zwar mit schier unauslotbarer Gewalt -6,25 PS! Die lassen sich nicht wegdiskutieren. Die stehen plötzlich zur Verfügung! Woooow! Echt jetzt? Das ist mein Bike? Ich konnte es nicht fassen.

Und von Mal zu mal gings ein Quäntchen besser. -Und so gaaanz nebenbei wurden auch die Strecken etwas länger und öffentlicher und -egal ob Schein oder nicht- ich bretterte so was von souverän dem Sonnenuntergang…

-huch! Was dass jetzt? Unter dem mit Druckknöpfen angeclipsten ‘Kugel-Visier’- meines geliehenen Jethelms war eine Wespe! Oh nein! Aug’ in Aug’ mit einem schwarz-gelb-gestreiften Monster -sozusagen! Ja verdammich! Ich hatte locker 60 Sachen drauf und da vorn musste ich abbiegen. -Ne! Stopp! Anhalten! Schnöllstens!

Naja, nach dem das Bike dann abgewürgt am Straßenrand stand, das Visier -endlich- abgeknöpft war, waren wir beide doch seehr erleichtert uns friedlich aus den Augen verloren zu haben.

Dann schlug das nächste Kapitel auf. Schneller als gedacht war die Pubertät in Richtung Teilzeit-Erwachsener angebrochen. Geholfen hat tatsächlich mein Bike. -Jawoll!

Ich konnte ihr eine Mitfahrgelegenheit mit anschließendem Arm-umlegen und durch Bad Homburg schlendern bieten. Trotz November und runden 38 km Fahrt in dicken Parkas, sie mit meinem Helm, ich mit Kapuze.
Gefroren? Keine Ahnung. Mir war heiß, seeehr heiß.

Und so kams, dass ich mit 16 und weit vor dem an mir zweifelnden Rudolf, meine kindlichen Kapriolen in bedeutende, andere Richtungen entwickelte.

Bike-Technisch schlossen sich Deutschland-Durchquerungen bis nach Wilhelmshaven an. Das war dann auch der Einstieg ins Pimpern.

Wir konnten irgendwann nicht mehr auf dem Sattel sitzen. -Da kam die hinten aufgeschnallte Luftmatratze gerade recht. Zusammengefaltet und ziemlich weit aufgeblasen, saßen wir fast wie die Götter, zwar nicht im, aber grandios über dem Sattel.

Blöd nur, dass ein Platter den nicht enden wollenden Drehzahl-Orgien dann irgendwo bei Koblenz ein Ende bereitete. Väterchen holte uns ab. Das Bike mit seinen 85 kg schnallte er am Kofferraum und der Stoßstange der Familien-Kutsche fest.

Ach ja, dann war da noch die Fahrt nach Bonn. Kurz nach einem heftigen Regenguss. Wir waren mit Plastik-Einkaufstüten über den Schuhen unterwegs, da ließ so ab Rüdesheim die Leistung der Hercules dramatisch nach.

Inzwischen kannte ich ein paar Lösungen zu den 2-Takt-Problemen. Eine war die Drahtbürste gegen den Faden der Zündkerze, die andere den zu gekokten Auspuff frei zu brennen.

Da das Bike lief, konnte nur der Auspuff das Prob sein. -Blöd nur, dass ich keine Lötlampe dabei hatte. Aber ich hatte ja den ‘Universal-Knochen’ mit seinen Vielzahn Schlüsseln dabei -kein Schraubenkopf, der damit nicht verhunzt wurde.

Also? Auspuff ab! Basta! Krümmer blieb dran. Wow! Das sonore Blubbern beim Gas wegnehmen! Das war die Welt der großen Bikes! Und wir? Mitten drin!

-Oh! Apropos große Bikes. War das etwa ne Polizei-BMW im Rückspiegel? Gas raaauuuuus. -Uff! Endlich war se vorbei -viiiel weiter wäre die Hercules echt ned mehr gerollt 🙂

Unterdessen war eins so was von klar: das Bike ist dann doch ned so die Urgewalt. Erst recht ned für zwei.

Eines schönen Abends fragte ich den Mitchi -nur aus Gag- ob er mich mal mit seiner Suzuki fahren lässt. -Und? Er ließ.

Ach ne! Die fährt sich wie die Hercules! Naja. Eher schon irgendwie so, wie ichs immer schon gewollt, aber ned mal nur bergab gekonnt hab -und?

160 und ebbes mehr und logo auch bergauf ging noch genuch! 😎

Immerhin, der Mitchi hatte das Sondermodell vom Van Lengen aus Orschel mit Magura M-Lenker, Konis, H4 und Lampenmaske.

Junge! -Kein 2-Takt-Mischen-Geklackere mehr: getrennt-Schmierung -tanken wie die großen! 25,5 PS und das maximale Drehmoment bei niedertourigen 3.500 U/Min. Da ging was! Souverän war die Untertreibung des Jahres!

Suzuki GT250 in reichlich ungewohnten Gold -aber egal. Meine Freundin lieh mir den nötigen Rest Bares und das Bike wechselte ein paar Monate später, diesmal sogar mit richtigem großen und grauen Lappen, für 3.200 DM den Besitzer.

Meine Freundin hatte mittlerweile ebenfalls den ollen Einser und so kam es, dass sie mit ihren 1,63 mich mit meinen 1,94 hinten drauf durch den Kaiserlei-Kreisel scheuchte. Wer’s nicht weiß: der Kreisel war mal Europas größter 3-spuriger Kreisel zwischen Frankfurt und Offenbach.

Egal.

Jetzt war Schräglage. Und zwar heftig. Und zwar verdammt heftig. Nee, es half nix, ich musste den linken Fuß heben, am Ende hätte ich mit meiner Schuhgröße 48 auf der Straße gestanden -eine Fahrbahnunebenheit- und das bisschen Haftung der Metzeler BlockC66 hätte sich in einen kapitalen Abflug verwandelt.

Ja. Kannste mal sehn. Warum ‘se das gemacht hat? Naja. Sie war sauer, weil ich in Frankfurt bissi die Sau raus gelassen hatte. Da hatt’se mal gezeigt wie das so ist. Schluck!

Auch egal.

Der stoische Hubert mit seiner 250er MZ hat danach ewich trainiert, bis er endlich (nach ungeprüfter eigener Aussage) die 110 knackte. -Das war nämlich das Letzte, das ich vom Sozius auf’m Tacho der Suzi bei der Kaiserlei-Querung ablesen konnte, also bevor ich den Fuß hob, mich nach innen lehnte und so den mehr als drei-viertel Turn überstand.

Ja, ja. Früher war alles besser. Immerhin: überlebt hab ich’s.

Und? Ja, genau: da war noch einiges… 😎

Etwa als in einem der heißesten Hochsommer an die ich mich erinnere, meine Freundin mit dem Bike unterwegs war.

Mir war regelrecht fiebrig unter dem glühend heißen  Blechdach unsrer Studenten-Bude, als nachts um drei die Bullen an die Tür bollerten. Sie hätten im Wald mein Motorrad gefunden. Und Helme! Im Graben! Von Fahrern keine Spur!

Mann! Das musste ja der totale Horror-Crash gewesen sein! Meine Freundin unauffindbar in den Wald geschleudert!

Kann einem bei 38° Außentemperatur plötzlich eiskalt werden? Ja! Ungelogen, es kann!

Achso:
der Morgen war längst angebrochen, als sich nach schier endlosen Stunden, aufklärte, dass das Bike geparkt und die Helme nur im Graben versteckt abgelegt waren…

Views: 234

Eine Antwort auf „Früher war alles besser“

  1. Thomas 😂 du meine Güte! Ja, so war das. Oh je 😂 daß wir überhaupt noch leben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.