Hoffnung – eine Kurzgeschichte

Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt, oder?

Meld dich doch mal öfter bei mir, hat sie gesagt. Seit sie keine Gesellschaft mehr hat, fragt sie immer öfter, wann ich wieder auf einen Kaffee vorbeikomme. Vor einem halben Jahr starb ihr Mann, seit dem ist alles anders. Oft waren sie zusammen im Garten, haben viel gelacht und viel zusammen gearbeitet. Im Winter hat man sie von der Straße aus im Wohnzimmer gesehen. Er hat immer gewunken, wenn ich abends mit dem Hund draußen war. Vor dem Kamin haben sie gesessen und haben sich gewärmt und Tee getrunken. Auch ich bin ab und an mal eingeladen worden und so saßen wir zu viert vor dem Kamin. Er, sie, mein Hund und ich. So viel Lebensfreude hab ich lang nicht mehr erlebt. Genau so lang nicht mehr, wie er tot ist. Knapp ein halbes Jahr ist es her und ich sehe sie nicht mehr im Garten oder im Wohnzimmer. Manchmal treffe ich sie morgens, wenn ich den Hund in den Garten lasse, dann steht sie am Briefkasten und holt die Zeitung. Die Lebensfreude ist nicht mehr da, sie steht nur so da und starrt ins Leere. Vor ca. 8 Wochen fing sie wieder an mit mir zu sprechen, sie brauche Hilfe im Haushalt hat sie gesagt. Dann wollte sie einen Tee mit mir trinken. Ich habe immer abgesagt, weil die Arbeit so stressig war. Vorgestern habe ich erfahren, dass sie krank ist, schon lang, wohl schon fast 5 Jahre, unheilbar. Warum sie mir das jetzt erst sagt, habe ich sie gefragt. Na weil sie jetzt glaubt, dass sie nicht mehr geheilt werden kann. Derjenige, der ihr Halt gegeben hat, ist nicht mehr da. Sie hat ihre Hoffnung auf Heilung verloren. als ihr Mann gestorben ist.

Von Tag zu Tag merke ich nun, wie es ihr immer schlechter geht, verbringe Zeit mit ihr. Über die Weihnachtszeit arbeite ich sonst immer, dieses Jahr habe ich mir Urlaub genommen.

Jetzt im November noch spontan frei zu bekommen ist irgendwie was besonderes. Ich dachte ich bin zu spät dran.

Ich habe gelernt Weihnachten mit ihr zu verbringen ist schön, es fühlt sich an als wäre sie wieder ganz die Alte. Lebensfroh und glücklich… und vor allem wieder mit Hoffnung.

All das ist schon 3 Jahre her. Sie starb am zweiten Weihnachtsfeiertag, trotz dem sie wieder Hoffnung geschöpft und Lebenswille gefunden hat. Aber auch für mich war das Weihnachtsfest etwas ganz besonderes. Ich arbeite zwar wieder an Weihnachten, damit die anderen Weihnachten mit ihrer Familie verbringen können, aber abends nach der Arbeit nehme ich mir die Zeit um an sie zu denken. Ich bin nicht gläubig, aber ein wenig Hoffnung hab ich schon, dass sie an Weihnachten wieder zusammen feiern können und nicht einfach weg sind.

Vielleicht stirbt die Hoffnung auch gar nicht, vielleicht wird sie nur von Person zu Person weitergegeben und vielleicht, ganz vielleicht, bin ich irgendwann so alt und so glücklich, wie die beiden waren und schenke meine Hoffnung jemand anderem.

Löwnachtsmann

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